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Antwort von @nischenleben@todon.eu

Also, das Ganze sieht grob folgendermaßen aus: Das gesamte Stromnetz ist auf einen Zentral - Dezentral Betrieb ausgelegt. Also Strom wird zentral irgendwo in einem Kraftwerk erzeugt, verteilt und dann dezentral verbraucht. Das war bis vor ungefähr 20 Jahren auch die einzige praktikable Form der Stromverteilung.

Der Umstellungsprozess von zentraler auf dezentrale Stromerzeugung ist langwierig und mit mehreren Haken verbunden.

Du bist bei der Durchleitung von Strom durch das öffentliche Netz auf die Netzbetreiber angewiesen, die dir aus Profitgründen jeden nur möglichen Stein in den Weg legen.

Der zweite Punkt ist die Infrastruktur, oft ist die Durchleitung von dezentral erzeugtem Strom technisch gar nicht vorgesehen bzw. mit Hürden verbunden, die mehr kosten, als der erzeugte Strom einbringen würde. Unabhängig von Profit oder Nonprofit.

Die derzeitige Situation bei den privaten PV-Anlagen ist und war quasi ein Almosen und im Vergleich zu Großanlagen eher marginal. Die Situation beginnt sich jetzt langsam zu ändern und das führt für Netz- und Kraftwerksbetreiber zu technischen und politischen Problemen.

Eine zweite große Hürde ist die Speicherung. Bisher haben wir keine (!) technisch wirklich brauchbare Lösung (korrigiert mich bitte, wenn ich nicht auf dem Stand bin), elektrische Energie längerfristig (Sommer - Winter) zu speichern. Die Lösungen werden derzeit erst ganz langsam entwickelt, vielleicht. Deshalb wird hauptsächlich kurzfristig gespeichert. Also am Tag für die Nacht oder bei Wind jeweils für die kurzfristige Flauten-Situation.

Ein weiteres (und für zb. Private Kleinerzeuger und Genossenschaften) ausschlaggebendes Problem ist die politische und bürokratische Situation. Wozu ich auch ganz offen Korruption und Zuwendungen der Großversorger und Netzbetreiber an die Politik (auch hier pauschalisiere ich, es gibt angeblich Ausnahmen, wer diese kennt, möge sie bitte einfügen) zähle.

Den bürokratischen Fuckup möchte sich keine nonprofit-Organisation antun. Deshalb sind Modelle wie von Sonnen zb. nicht in Form einer Genossenschaft aufgebaut, sondern als gewinnerwartende kommerzielle Struktur. Alleine der Zugang zum Netz für eine dezentrale Erzeugungs- und Speichermöglichkeit ist bürokratischer Wahnsinn. Und das wird in Zukunft vermutlich ein nicht zu unterschätzendes Hemmnis. Stichwort Vehicle-to-Grid.

Dabei werden ans Netz gekoppelte Elektrofahrzeuge als Speicher (für kurzfrisitige Speicherung) verwendet. Technisch ist so ein Verfahren mittlweile nicht mehr wirklich problematisch und wird von einzelnen Fahrzeugherstellern schon umgesetzt. Bis wir allerdings auch nur in die Nähe von gesetzlichen Regelungen für solche Verfahren sind, werden wohl noch ein paar Jahre ins Land gehen. Dabei kommen die Hürden für Erzeugung und Speicherung zusammen. Der Fahrzeugbesitzer braucht ja einen Anreiz, um an einem solchen System teilzunehmen. Der Netzbetreiber profitiert von Vehicle-to-Grid. Die Gesellschaft profitiert als solches ebenso, weil durch große Speicherkapazität weniger Grundlast-Kraftwerke betrieben werden müssen, was die Umwelt und Ressourcen schont.

Ich empfehle zu dem Thema auch die aktuelle Episode des cleanelectric Podcasts, da wird genau dieses Thema angesprochen.

Ein weiteres großes Thema für die dezentrale Stromerzeugung ist die Kontrolle. Wer speist wann wie viel ein und wie wird die eingespeiste Strommenge kontrolliert. Bisher ist es so, dass die Netz- und Kraftwerksbetreiber eine gemeinsame Kontrollinstanz haben, die dafür sorgt, dass immer genau so viel Energie verfügbar ist, wie verbraucht wird.

Dieses System gerät außer Kontrolle, wenn zb. mittags im Sommer viele private Erzeuger mit Kleinanlagen unkontrolliert einspeisen. Das versucht der Gesetzgeber derzeig durch Dinge wie eine 70% Regelung und andere Maßnahmen zu verhindern. Es kann vorkommen, dass die über private Anlagen eingespeiste Strommenge die Grundlast übersteigt, was zu unzulässigen Schwankungen im Netz führen kann. Eine externe Steuerung der Einspeisung war bisher nicht nötig und ist daher nicht vorgesehen. Das heißt, der Netzbetreiber müsste in der Lage sein, in jede einzelne Anlage einzugreifen und diese sozusagen fernzusteuern. Problem: nur einige wenige Anlagen lassen diese Art der Steuerung überhaupt zu. Dieses Problem tritt immer verstärkter auf, je leistungsfähiger und preisgünstiger die Anlagen werden.

Umgangen wird dieses Problem heute durch geringe Einspeisevergütungen und den daraus resultierenden Eigenverbrauch. Dazu notwendig ist ein Speicherakku beim Anlagenbetreiber, so dass die überschüssige Energie NICHT ins Netz eingespeist wird. Das ist aber letztlich keine dauerhafte Lösung, weil die erzeugte Energie nicht dem Gesamtnetz zu gute kommt.

Sinnvoller wäre es, die derzeit bereits exisitierende Rundsteuer-Infrastruktur (Fernsteuerung der Leistungsfreisetzung in Kraftwerken) auch für Kleinanlagen nutzbar zu machen. Das würde allerdings die Anpassung und Erneuerung der entsprechenden gesetzlichen Regelungen und der Einspeisevergütung als Solches erfordern. Damit wäre dann auch eine Nutzung von Pufferspeichern für die Stabilisierung des Gesamtnetzes möglich (s. Vehicle-to-Grid). Leider wird genau dieses derzeit von den Netz- und Kraftwerksbetreibern verhindert, die ihre Oligopolstellung schwinden sehen. Es wird aber genau eine solche Steuerungsmöglichkeit notwendig werden.

Ein Beispiel für die mangelhafte Umsetzung dieser Notwendigkeiten sind elektronische Stromzähler. Diese wurden vor vielen Jahren eingeführt, um zb. die Tarifierung unterschiedlicher Verbraucher zu ermöglichen. Ähnlich wie früher der Nachtspeicher-Strom, der einen zweiten Zähler erforderte. Damit wäre es möglich, zu Spitzenzeiten den Strom günstiger zu verkaufen, um Überschussleistung abzubauen und zu anderen Zeiten die Energie zu verteuern, um Minderleistung zu verhindern.

Leider sind elektronische Zähler bisher nur zu einem Zweck gut: Daten sammeln. Diese Daten werden aber nicht für den vorgesehenen Zweck verwendet.

Die Daten werden, wenn überhaupt zu statistischen Zwecken oder Marketing benutzt, was uns letztlich bei der Dezentralisierung des Netzes nicht weiter hilft. Alleine schon die Tatsache, dass ich, um für mich selbst die Daten des elektronischen Zählers zu nutzen, einen hohen technischen Aufwand treiben muss führt das ganze System ad absurdum.

Zurück zum Thema Genossenschaft. Was müsste eine Netzbetreiber bzw. Erzeuger-Genossenschaft tun?

Sie müsste Kleinanlagenbetreiber (bis 30 kWp) erfassen, bündeln und deren erzeugte Energie durchs Netz leiten können. Außerdem müsste sie in der Lage sein, zusammen mit den Netzbetreibern und großen Stromerzeugern die Kleinanlagen in die Rundsteuerung der Stromnetze einbinden.

Außerdem müsste sie dies mit einer vielzahl unterschiedlicher Anlagentypen tun können. Dafür müssten genormte Schnittstellen geschaffen werden, die bis heute nur sehr rudimentär bzw. nur auf dem Papier existieren.

Die Betreiber von Kleinanlagen, die sich einer solchen Genossenschaft anschließen müssten bereit sein, auf einen Teil ihrer selbst erzeugten Energie im Eigenverbrauch zu verzichten und erwarten dafür zu Recht eine angemessene Vergütung. Das heißt die Vergütung muss so hoch sein, dass der Eigenverbrauch wirtschaftlich gegenüber der Einspeisung neutral ausfällt.

Das Problem daran ist, dass das wirtschaftlich für jeden außer dem Betreiber der Kleinanlage unwirtschaftlich ist, ein Zustand der nur durch Subventionen aufrecht zu erhalten ist. Solange ich für eine zugekaufte kWh mehr bezahle als ich für die eingespeiste kWh erhalte ist so ein System für mich als Betreiber uninteressant.

Bis vor einigen Jahren waren PV Anlagen insbesondere wegen der Subvention interessant. Will sagen, der Betreiber bekam für die eingespeiste kWh so viel Geld, dass sich die Anlage innerhalb eines überschaubaren Zeitraums amortisierte. Das ist aktuell nicht mehr der Fall. Eine Amortisation kann nur noch durch Eigenverbrauch erreicht werden.

Bei einer Genossenschaft wäre es möglich, Einspeisung und Zukauf von elektrischer Energie untereinander neutral zu verrechnen (non profit), was für den Anlagenbetreiber durchaus eine Option darstellen kann. Auf kommerziellem Weg ist das so nicht möglich. Modelle wie von Sonnen erreichen eine Neutralität durch die zur Verfügungstellung der Anlage an den Betreiber, der diese über eine definierte Zeit “mietet” und entsprechend an Sonnen zahlt. Diese Zahlungen werden dann mit Eispeisung bzw. Verbrauch verrechnet, Stichwort Public Battery. Solche Konzepte wären vermutlich in viel größerer Zahl notwendig.

Der hemmende Faktor ist an dieser Stelle die Gewinnerzielungsabsicht der Anbieter dieser Lösungen. Das wird im Gegensatz zur eigenen Anlage und Eigenverbrauch immer zu Verlusten für den Anlagenbetreiber führen. Von technischen Problemen wie bei den derzeit etwas brandgefährlichen Akkus eines anderen Anbieters mal abgesehen.

Ich hoffe das war ausführlich genug.

Don di Dislessia
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Ich habe jetzt einige Energiegenossenschaften über die normale Internetsuche gefunden. Aber die haben alle eigen Solaranlagen, keiner versucht die kleinen Solaranlagen von normalen Wohnhäusern zu bündeln und zu verkaufen (zumindest finde ich da kein Angebot dazu).

Warum gibt es keinen Anbieter, der von ganz vielen Häusern den Strom ankauft und dann ohne Gewinn (weil Genossenschaft) weiter verkauft?

Nur so könnte man doch effiziente Energiespeicher bauen, weil die dann von vielen Dächern gleichzeitig Strom beziehen könnten.

Aktuell geht der Trend wohl Richtung Akku im Keller, damit man so viel Strom wie möglich selbst verbraucht (will man das wirklich einen Lithiumionenakku im Keller? Wenn die mal brennen, dann ist da nämlich nichts mit löschen, in einem Gebäude).

Das ist aber nicht wirklich effizient, weil diese Speicher meist nur Kapazitäten für einen Tag haben und man dann im Winter natürlich trotzdem Strom zukaufen muss.

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